England
Moin,
Bridleway und Cost Path
(bridleway heisst halt nur "öffentlich")
Tag 1
Ein paar Tage war ich mit meiner Süssen über die Insel gefahren und habe bautechnische Erinnerungen an eine Zeit als dieses
Land eine Bedeutung hatte angesehen. Nun war Madame in Glastenbury zu einem intensiven Ommmmmm Meeting und ich ergriff die
Flucht an die Küste.
Küste in dem Fall war Minehead. Ich hatte kurz vorher noch eine Karte, eine Wanderkarte, gedruckt und so, erworben. Das hatte
ich lange nicht mehr gemacht. Die Komoot Planung habe ich über Bord geworfen. War ja nur digital und so ist nicht viel Müll
angefallen beim über Bord werfen.
Wo war ich? Minehead. Küste. Karte. Ich traf erst am späten Nachmittag, oder besser frühen Abend, dort ein, damit war klar,
erster Tag ist nicht in Verbindung zu bringen mit einer weiten Strecke.
Ich ging los. Kühe mit Satteldecke. Auch mal was lustiges. Weites Land. Aber dann schmaler Pfad. Ich war an der Küste. Ging
fix runter. Das könnte noch interessant werden einen roll freien Schlafplatz zu finden.
Nach ein paar km fing ich an zu suchen. An einer Stelle sah es knapp unterhalb des Pfades gut aus. Abstieg. Dabei fast die
Rolle gemacht. Nicht alles was nach fest aussieht ist es auch. Gras und Moss haben hier fluffige Attrappen Steine gebaut.
Sucht der Wanderstock dort halt gibt es eine nachgebende Überraschung.
Ich war dann ein paar Meter unterhalb des Weges. Eine kleine Rinne in halbwegs horizontaler Ausrichtung. Dort legte ich
meinen alten Körper im Biwaksack ab.
Mäh und Muh von oben, Kreisch und Schrei von unten. Vierbeiner oben Fliegzeug unten brachten die Geräusche der Nacht. Das
Meer war so weit unten, es schaffte keinen Sound nach oben.
Tag 2
Frühstück am Lager? Ne, alles so fluffig, da drohte der Kocher alle paar Sekunden umzufallen. Also nur einpacken, aufstieg
zum Pfad und dann dort schauen.
Nach wenigen Metern auf dem Pfad, ein Zelt. Ein Kollege hatte dort zwischen Pfad und Kuhzaun eine Fläche gefunden und die
Nacht dort verbracht. So nah ich hätt ihn rufen können. Aber wir wussten ja nix von einander. Es blieb auch beim nicken im
vorbeigehen. Morgens wird nicht viel geredet.
Ich trabte weiter. Die Strecke hier war toll. Oft konnte ich den Weg am gegenüberliegenden Hang schon sehen. Ein schmales
Band eingefasst von Wacholder und Farn. Durch den grünen Teppich fiel es nicht so auf, dass das eigentliche Gelände fix
flix dem Wasser zustrebt. Oder anders gesagt, es ging steil bergab Richtung Wasser.
Nach einem Alpen ähnlichen Abstieg, welcher mich näher ans Wasser brachte, bog der Pfad um eine kleine Landzunge und ein
verlassenes, vermutlich militärkritisches, Gebäude sagte hallo. Das Gebäude wurde flankiert von einer Bank. Gute horizontale
Fläche. Kocher und Gesäß wussten dies zu schätzen. Ein spätes Frühstück, oder ein frühes Mittag, oder einfach eine tolle
Rast mit Ausblick.
Die Einsamkeit des Pfades schien hier dann auch gebrochen. Während meiner Rast kamen Mann mit Hund, Hund mit Frau, Jogger
mit Flasche und alter Mann mit Stock. Ein Ort schien in der Nähe. Für die Akten Hurlstone Point war der Ort.
Die Karte bestätigte dies. Bossington. Ein kurzer Abstieg und ich erreichte einen tollen Bach der mir mittels Filter meine
Wasservorräte wieder auffüllte. Hier war auch ein Spielplatz mit toller Wiese, da hätt man auch gut schlafen können.
An ein paar Häusern vorbei sollte ich dann links auf den Pfad abbiegen. Sagten die Schilder. Andere Schilder sagten Beach.
Wenn schon denn schon. Also mal Richtung Beach. Dieser war mit echtem Makro Sand ausgestattet. Sandkörner nicht kleiner
als eine Hand. Andere würde es wohl Steinstrand nennen. Ich musste ca. 500m darauf entlang. Sehr unruhiges Gangbild.
Verteidigungsanlagen wohl aus WWII zeigten sich und ich bog wieder ab ins Inland zum Pfad.
Schilder, privat Gelände und überhaupt. Also die Engländer haben ja anscheinend wenig bis gar kein Land, was dem Staat
gehört. Nahezu alles ist privat. So gibt es denn auch jede Menge „permitted foodpath“ Schilder. Ohne Karte wäre es echt
Mist. Die Schilder sagen Dir nämlich nur wo dieser Pfad hinführt. Nicht ob am Ende des Pfades eventuell freundlicher Weise
ein anderer zu finden wäre, der dann ggf. in die Richtung führt die man gern zu gehen sich gewünscht hätte. Radfahren ist
übrigens fast zu 100% unerwünscht. Auch dafür gibt es jeweils ein Schild. Insgesamt gibt es viele Schilder. Leider nicht
alle hilfreich. Nehmen wir den Bridelway. Ausgeschildert sollt man denken. Aber es gibt wohl Varianten. So steht der
Wanderer an einem Pfahl mit, sagen wir mal fünf, Schildern und alle zeigen in Richtung des Bridelway. Nein, nicht
aufgedröselt nach Varianten. Alle zeigen den echten, den einzigen, Bridelway. Ohne Karte wird man da irre.
Ok, es ging weiter. Durch Marschland, welches, so sagte es eine Ansammlung von Schildern, bei high tide und Regen, nicht
zu durchqueren sei. Es war pralle Sonne und low tide, ich querte trockenen Fußes.
Am anderen Ende des Marschlandes nochmal Steinstrand Strecke und dann Porlok Weir. Paar Häuser, Parkplatz, Touristen Läden.
Ein Eis und ein stark Zuckerhaltiges Kohlensäure Getränk wurden gegen pfundiges Geld erworben.
Weiter. Der Pfad steigt zügig an. Alte Torbögen und Mauern erinnern an gestern, oder vorgestern. Was das wohl mal war?
Waldiger geht es weiter. Das Gelände sagt, Du bist immer noch an der steilen Küste, der Wald sagt, aber Du siehst es nicht.
Nach einiger Zeit erreiche ich Culborne. Eine Kirche, zwei Häuser ein Bach, zahlreiche Bänke. Ein Kaffee wird bereitet. Nix
GSM. Da ich irgendwann demnächst ein Lager suchen werde, die Beine sind müde, ich von diesem Lagerort gern die Koordinaten
an meine Süße übermitteln möchte, wäre Netz eine feine Sache.
Die Karte sagt, keine Ort in Sicht. Höhe wäre demnach eine profunde Möglichkeit in die Sichtlinie eines Mastes zu gelangen.
Der Coast Path würde mir die Höhe nicht erlauben. Der Bridleway wäre mittels Höhe zu erreichen. Ich biege daher kurz nach
Kirche in Richtung Höhe auf.
Wow, zwei wirklich tolle Eichen. Ein Dicker abgebrochener Ast in dessen Schatten man gut schlafen könnte. Warum nicht hier
bleiben? Kein Netz. Höher hinauf also.
Als es nicht mehr weiter hoch geht habe ich am nach oben ausstreckten Arm einen Balken. Auf diesem Balken balancierend sende
ich die Koordinaten, lasse den Arm sinken, verliere den Balken und schalte das Send und Empfangsgerät aus. Ich liege eingedenk
der hohen Temperatur auf dem Biwaksack und lassen den Blick schweifen. Zack. Eingeschlafen. Gut eine Stunde später werde ich
wieder wach.
Gesellschaft? Hier. Naja, warum nicht. Ein Rehkitz liegt ca. 2m von mir entfernt an die Steinmauer der Feldbegrenzung
gekuschelt. Soll ich jetzt umziehen? Ich denke nein. Ich baue das Lager für die Nacht fertig. Lege mich hin und schlafe
ein im Sound des leise schnarchenden Rehkitz. Morgens ist es dann auch wieder weg. Kein Blut, es wurde also nicht gefressen,
sondern abgeholt. Was im Einklang mit meiner akustischen Wahrnehmung der Nacht stand. Dort mutmaßte ich den „wo bist Du,
ach da bist Du“ Dialog von Ricke und Kitz gehört zu haben.
Tag 3
Die Wiese war eben, der Kocher konnte stehen. Kaffee und Porridge werden zubereitet und vertilgt. Dabei kann der Blick
ungehindert in die Ferne ziehen. Tolle Gegend.
Ich ziehe weiter. Ein Quad mit Bauer, Bäuerin und Futtereimer zwingt mich in die Zeckenhaltige Wegbegrenzung. Eine
Einrichtung um Schaffe zu entkleiden, zwei einsame Höfe und dann? Eine Straße. Ein Parkplatz. Ein Restaurant. Oder besser
ein auf Wanderer Ausgerichtetes Etablissement. Zweites Frühstück. Nicht aus der Tüte. Ja. Es wird ein Schinken, Camembert,
Preiselbeer Sandwich. Lecker. Dazu ein Frenchpress Kaffee. Luxus. Pfundsteuer obendrein. Die Insel kostet. Aber the
ramblers rest tea room ist eine Empfehlung wert!
Es geht hinunter nach Brendon. Über Pony Koppeln und weiche, runde Bergkuppen. Im Tal ein Campingplatz. Von vorn, von der
Seite, von hinten. Ich umrunde diesen quasi weit oben. Brendon selbst streife ich um dann im Bachtal weiter zu ziehen.
Eine alte „Straße“ am Bach. Steine am Boden. Links und rechts die tiefen Furchen der Eisenbeschlagenen Räder. Es ist schön
so allein, es ist wirklich wenig bis nix los, hier über die Wege zu gehen und sich vorzustellen, wer da wohl früher auch
schon mal gegangen, gefahren ist.
Ein verlassenes Haus. Diesseits des Baches. Wichtig das so zu erwähnen. Die Straße der Neuzeit läuft auf der anderen Seite.
Hier ist der Zugang hin und wieder durch eine Fuhrt oder alte Brücke möglich. Dieses Haus wäre zu kaufen. Ein paar km weiter
ist ein ähnliches wo bereits Ferienwohnungen zu vermieten wären. Nix bleibt für immer verlassen. Mit den Ferienwohnungen
am Wegesrand kommen auch mehr Menschen.
Speziell auch deshalb, weil Watersmeet, wo sich Hoar Oak Water und East Lyn River treffen, ein beliebter Ort für Ausflügler
ist. Da tobt echt das Leben. Dreckige, stinkende Wanderklamotten reservieren in diesem Umfeld leicht und locker den eigenen
leeren Tisch.
Der Hoar Oak Water Bach ist das rezessive Wasser, der vereinte Bach hört auf East Lyn River und dem folge ich weiter Richtung
Lynmouth. Nach dem freien Tisch und der gedanklichen Auseinandersetzung mit meinem Geruch wähle ich einen nicht so
einsichtigen Bereich des Rivers zum Abstieg zu selbigem, entkleide mich und verantworte durch den Einstieg in das feuchte
Nass vermutlich ein Flußabwärts ziehendes Fischsterben. Es war wirklich sehr warm und erst nachdem ich dem Bach entsteige
merke ich wie viel Klebkraft meine Haut verloren hat. Ich muss z.B. die Wanderstöcke wieder festhalten. Ging vorher ohne.
Der saubere Eindruck verschwitzt in Minuten. Aber die Erinnerung daran bleibt. Lynmouth ist von Touristen überlaufen. Hält
aber einen lecker Cappuccino für mich bereit. Ich habe länger nix von meiner Süssen gehört. Um genau zu sein, whatsapp zeigt
nur einen Hacken. So langsam mache ich mir Gedanken. Daher beschließe ich hier, nach einem Blick auf die Karte, den Rückweg
zu beginnen. Diesmal dann direkt an der Küstenlinie entlang. South West Coast Path sagt die Karte. Cost Path sagen die
Schilder. Eine Landzunge mit Leuchtturm. Da noch hin und schlafen. So der Plan.
Der Weg geht kurz direkt an der Straße entlang um dann Farn gesäumt wieder an der der steilen Küste viele tolle Ausblicke
zu ermöglichen. Ich bin in Leuchtturm nähe. Der eine Weg geht zu sehr Richtung Steilküste, da finde ich nix zum schlafen.
Hoch auf das Plateau. Was für ein Wind. Ich bin ganz vor an der Nase, da kann ich unmöglich liegen bleiben. Ich drehe um
und sehe im Gras ein Lebewesen, welches mich in der folgenden Nacht dazu bewegt die Reißverschlüsse vom Biwaksack mit
großer Sorgfalt zu schließen. Eine Kreuzotter habe ich ewig nicht mehr gesehen und diese hier war wirklich sehr, sehr schön.
Ein Stück weiter finde ich einen Schlafplatz. Es stürmt und Wolkenfetzen treiben über die Anhöhe. Ich rolle mich fix in den
Biwaksack und genieße den Ausblick durch das Moskitonetz. Der Sturm bleibt die Nacht über. Das flattern und schlagen des
Biwaksacks begleitet mich durch die Nacht.
Tag 4
Ich koche einen Kaffee für den Morgen. Noch immer kein Kontakt zu meiner Süssen. Ich werde anders als geplant versuchen
heute bereits das Auto zu erreichen und zu ihr zu fahren.
Einschub: Ich trage ein Garmin InReach Mini bei mir. Ich habe den Tracking Modus über Protegear Abo laufen. Eingeweihte
wissen also wo ich sein könnte. Meins Süsse wäre auch mein Rettungskontakt. So gesehen ist eine nicht erreichbare Süsse
also auch doof. Der Weg ist nicht anspruchsvoll, aber ein Absturz oder umgeknickter Fuß wären dort ärgerlich. Das InReach
ist da eine angenehme Beruhigung. Aber halt auch nur, wenn die Gegenseite mithört. Die 4 Tage haben mal gerade 20% Akku
gekostet im Tracking Modus. Ich finde das ist sehr gut.
Weiter im normalen Text. Ich gehe zügiger. Auto wären fast 30km Tagespensum. Der Weg ist Wandlungsfähig. Mal Wacholder und
Farn, dann Wald und Farn, dann Wald und Moos, Wald mal mit Eichen, Eschen, Tannen... alles mal dabei. Aber immer links
Wasser und steil und rechts hoch und irgendwann Weiden für Viecher.
An einer Stelle überquere ich einen in sehr gutem Zustand befindlichen Forstweg. Nur um wenig später die dazugehörige
Farm auf halber höhe zu umrunden. Das ist mal ein a. Einsames und b. Luxeriöscs Anwesen in einer sich zur See öffnenden
Schlucht. Alles pico bello gepflegt mit Golfpaltz ähnlichem Rasen und parkähnlicher Gartengestaltung. Da hat jemand mehr
Geld als andere.
Kurz danach lädt ein Schild 'to the beach' ein den coast path kurz zu verlassen. Es ist der bekannte Steinstrand. Auch dort
finden sich ein paar Häuser. Aber verfallen. Falls also jemand beim lesen der Zeilen Lust auf ein Guts ähnliches Anwesen
am Strand hat. Ich wüsste wo diese Ruinen wohnen.
Der Strand ist da wo das Wasser ist, welches wiederum da ist wo man es 0m über NN nennt. Der Pfad hingegen ist 150m ü.NN.
Mein Abstecher nach unten wird jetzt durch einen Rückweg nach oben belohnt. In der Schlucht steht die warme feuchte Luft,
da es kurz mal etwas geregnet hatte. Tropen made in England.
Wenig später wähle ich eine dicke alte Eiche um mich unterzustellen. Es gibt Regennachschlag. Ich gehe weiter. Es geht weiter.
aber nicht allein sondern in Gesellschaft von vielen Touristen. Diese Kirche zieht die Leute an, wie meine Beine die Zecken.
Von hier ist es noch ein kurzes Stück und Porlock Weir beschert mir ein Eis. Die Marsch überquere ich erneut bei Niedrigwasser.
Später zeigt ein Blick von oben, dass es aber wohl schon auflaufendes Wasser war. Es wird wirklich einiges überschwemmt da
unten.
Da ich immer noch nix von meiner Süssen gehört habe ist der Plan jetzt definitiv bis zum Auto zu gehen. In Bossington gehe
ich daher nicht erneut auf den Coast Path sondern wende mich Landeinwärts um hier den Teil vom Bridleway einzuschlagen. Es
geht lange geradeaus und munter bergauf. Fast oben treffe ich ein junges Mädchen was verzweifelt fragt, ob mein Weg der nach
Bossington sei. Ja erwiedere ich, was zu großer Erleichterung auf der Gegenseite führt. Ohne Karte sind die Wegweiser halt
nicht wirklich zu interpretieren. Da geht noch was.
Ich laufe in ganz anderer Landschaft. Weiche Hügel, weite Weiden, kein direkter Blick auf das Meer. Im auffrischenden Wind
und der sich gen Horizont neigenden Sonne wird mir dann recht frisch. Aber noch was anziehen lohnt nicht. Ist ja nicht mehr
weit. 5 Meilen sagte das letzte Schild. Das nächste nach ca. ¾ Meile, weil der Abstand zu einem anderen Objekt um ¾ Meilen
geschrumpft war, sagt immer noch 5 Meilen. Überraschung, das übernächste sagt dann auch noch 5 Meilen. Ich denke 'Minehead
noch 5 Meilen' war ein Sonderangebot im Schildladen und da hat man dann halt ein paar gekauft und hier und da hingestellt.
Egal. Ich gehe ja in die richtige Richtung, weiß ich vom Blick auf die Karte. Und dann als es noch 2 Meilen sein sollen
bin ich auch schon da. Ich glaube nicht, dass man sich zu sehr auf die Distanz Angaben verlassen sollte. Das mit den
zwei Meilen ist jetzt auch etwas gemein von mir. Mein Auto stand halt nicht im Ortszentrum.
Fazit: Das waren schöne 4 Tage. Die Landschaft ist einfach umwerfend. Ich habe mehrfach ohne Iso Matte einfach so im
weichen Gras liegen können. Die hätt also zu Hause bleiben können. Falls meine Süsse mal wieder in England Ommmmm machen
möchte, ich wüsste wo ich mich rumtreiben kann.